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NCCR Mediality
UZH




Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
B. Interferenz
B.1. Mythologische Interferenzen

Das skandinavistische Teilprojekt beabsichtigt unter dem Titel «Mythologische Interferenzen» eines der in der skandinavistischen Mediävistik am meisten behandelten Kernprobleme der mittelalterlichen isländischen Literatur neu aufzugreifen. Es soll analysiert werden, wie sich die Transmission der zum Teil ausgeprägt archaisch-vorchristlichen, zum Teil stark christlich perspektivierten, altnordischen Mythologie in der Dichtung des christlichen Mittelalters in medialer Hinsicht vollzog.
Der Zeitpunkt für eine solche Analyse ist insofern günstig, als in den letzten fünf bis zehn Jahren ein neues Interesse an der religionswissenschaftlichen Dimension der altnordischen Texte zu verzeichnen ist. Insbesondere in den skandinavischen und angelsächsischen Ländern hat dabei die Kooperation zwischen Philologie/Textwissenschaft und Religionswissenschaft/Archäologie zu einer Deblockierung früherer Positionen geführt. Der Kontext des NCCR Mediality bietet in dieser Ausgangslage hervorragende Voraussetzungen für die angestrebte medienhistorische und -theoretische Neuorentierung.
Im Unterschied zu früheren religionshistorischen und philologischen Forschungen und auch in ergänzender Abweichung von laufenden Forschungsarbeiten soll der Fokus des Teilprojekts «Mythologische Interferenzen» nicht auf thematischen und stofflichen, sondern dezidiert auf medialen Fragen liegen. Es wird also beispielsweise nicht die Herkunft der in den isländischen Handschriften überlieferten Mythen untersucht, dafür stehen vielmehr jene Medien (Texte, Bilder, Riten, vielleicht auch Kulte usw.) im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, in denen diese Erzählungen vermittelt wurden. Konkrete Analysebereiche, die sich für solche medienhistorischen Untersuchungen anbieten, sind beispielsweise die vorchristliche Bildüberlieferung mythologischer Erzählungen, wie sie hauptsächlich in schwedischen, gotländischen, dänischen Bildsteinen und bildtragenden Runeninschriften repräsentiert sind, oder die eddische Überlieferung, bei der sich die Transmission ‹alter› Formen und Inhalte unter ‹neuen› Bedingungen in den Vordergrund drängt. Während für den ersten Bereich primär das Verhältnis verschiedener Medien interessiert, die bei der Vermittlung gleicher oder vergleichbarer Erzählthemen eingesetzt werden (was auch text- und bildwissenschaftliche Zugänge erfordert), sind es für den Bereich der eddischen Texte vor allem die verschiedenen Stufen der Auseinandersetzung mit dem Mythos, die unter medialen Gesichtspunkten untersucht werden. In allen Fällen wird es darum gehen, die in der ersten Phase des NFS anhand von schriftlichkeitsbasierten Fragestellungen erarbeiteten Einsichten in Interferenz-Phänomene auf den neuen und umfassenderen Fragenkomplex zu übertragen und auf die Problematik der mit dem Mythos korrelierten formalen, thematischen und medialen Interferenzen auszudehnen.

Dissertationsprojekt Sandra Schneeberger
Das Performative in der Prosa-Edda

Die Prosa-Edda verbindet eine Vielzahl an unterschiedlichen Textsorten und –wissen miteinander. Die komplexe Kombination von Mythographie und Lehrbuch für die isländische (mündliche) Dichtkunst der Skalden eröffnet ein weites Spielfeld für das Nachdenken über Sprache. Mit Hilfe des Performativitätskonzepts können diese Reflexionen sichtbar gemacht werden. Das Werk aus dem 13. Jahrhundert präsentiert ein ausgereiftes Verständnis für die Fähigkeit von Sprache resp. Literatur, Wirklichkeit herzustellen und Bedeutung zu generieren. So stehen spezifische Kommunikationssituationen im Zentrum der Edda. Dichtkunst wird über Wissensgespräche zwischen «Schüler und Lehrer» vermittelt oder Situationen, in denen mit Sprache gehandelt wird (z.B. Verwünschungen, Schwüre etc.) in den eingeschobenen Narrationen ausgestellt. Thema dabei ist auch immer wieder das Verhältnis von schriftlicher und mündlicher Überlieferung.
Ziel der Dissertation ist es, einen umfassenden Überblick über die verwendeten Strategien in den einzelnen Textteilen zu erlangen. Handschriftenvarianten sollen dabei durchaus berücksichtigt werden, da darin die Textabschnitte je verschieden zusammengestellt worden sind. Die Kompilationen vermitteln so einen Einblick in eine dynamische Diskussion der Probleme, die neue mediale Formen im Island des 13. Jahrhunderts mit sich brachten.



Postdoc-Projekt Kate Heslop
Hearing voices, seeing things: medial interferences in skaldic textual culture

My project investigates how skaldic texts reflect on the conditions of possibility of communication and so participate in a discourse about media (Medienwissen). In contrast to earlier research centred on media transition (Medienwandel) and the passage of oral poetry into written transmission, I see skaldic poetry as a mode of writing which co-existed with embodied performance. The relationship between written and embodied media is one of interference, a disturbance (Störung) or ‘noise’ which may be destructive or constructive. Noise draws attention to the process of perceiving, and in so doing, makes the skaldic text’s construction of a self-reflective Medienwissen possible. Hearing voices then refers to interference between the written text and the aural dimension, both in narrative stagings of poetic performance (where the noise of poetry paradoxically entails the absence of the performing body, to auratic and magical effect) and in media-theoretical reflections in mythographic and rhetorical texts on sound, voice and interplay between figure and metre. Seeing things investigates the medial interference between visual image and written or performed text, focusing on visual description (ekphrasis, visionary poetry) in skaldic texts. A comparison of the visualising strategies of Christian skaldic poetry with those of the mythological skaldic ekphraseis promises insights into the characteristic rhetorical figure of skaldic poetics, the kenning.



Prof. Dr. Jürg Glauser


Dr. Kate Heslop, Wiss. Mitarbeiterin
lic. phil. Sandra Schneeberger, Doktorandin