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NCCR Mediality
UZH




Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
C. Ostentation
C.1. Mediale Metonymien

Dissertationsprojekt Sabine Chabr
Boten, Botschaften und metonymische Kommunikation
in Wolframs Parzival


Kommunikation mit Hilfe von Boten ist eine Form der Fernkommunikation, an der sich beispielhaft Bedingungen und Äusserungen vormoderner Medialität zeigen lassen, etwa die materiellen Aspekte von Mündlichkeit und Schriftlichkeit sowie die Körperge-bundenheit von Kommunikation. Literarische Texte machen diese Aspekte in komplexer Weise zum Teil imaginierter Welten und spielen sie auf der Ebene des Dargestellten wie der Darstellung durch. Besonders vielfältig ist dies am mittelalterlichen höfischen Roman und dort am Parzival Wolframs von Eschenbach (um 1200) zu verfolgen. Er weist in seiner Erzählwelt überdurchschnittlich viele, variantenreiche und komplexe Botenszenen auf. Zugleich zeigt sich an diesem Text auch eine hohe Reflexion des Erzählens selbst. Eine Analyse der Botenkommunikation und anderer Formen des Metonymischen verspricht so, einerseits Einsichten in eine für vormoderne Medien typische Teilhabe an Abwesendem, andererseits wesentliche Erkenntnisse über Bedeutungskonstitution und Poetik des Parzival zu liefern.

Dissertationsprojekt Carolina Grap
Wege ins Himmlische Jerusalem

Die malerische Ausstattung im Nonnenchor des Zisterzienserinnenklosters Wienhausen (Niedersachsen) darf als eines der besterhaltenen Beispiele sakraler Wandmalerei im Spätmittelalter angesehen werden. Zugleich ist aber dieses reichhaltige Bildprogramm in seiner Gesamtheit noch weitgehend unerforscht. Die neu entdeckten Bezüge innerhalb des Programms legen den Schluss nahe, dass die Bildfolgen und einzelnen Themen-reihen eine Bewegung im Raum vorgeben. Das bedeutet einerseits, dass die so vermittelte Heilsgeschichte körperlich erfahrbar gemacht wird; dass andererseits ein mystischer Stufenweg vorgezeichnet ist, der gerade wieder aus dieser Körperlichkeit und allem Irdischen herausführen soll. Ein besonderes Augenmerk wird in diesem Zusammenhang auf die Frömmigkeit in Frauenklöstern des Spätmittelalters und auf Aussagen über den Status des Bildes und seine vermittelnde Wirkung gerichtet, da in einzelnen Darstellungen Abweichungen zur Heiligen Schrift festzustellen sind, die den Frauengestalten in der Bibel (z. B. Maria Magdalena) einen höheren Stellenwert zugestehen zu scheinen.

Dissertationsprojekt Daniela Fuhrmann
Konfigurationen der Zeit in spätmittelalterlicher Offenbarungsliteratur

Spätmittelalterliche Offenbarungen aus dem deutschsprachigen Raum wie z.B. diejenigen Margareta Ebners (vor 1351), Christine Ebners (vor 1356) oder Adelheid Langmanns (vor 1357) zeichnen sich durch eine Verschränkung unterschiedlichster Konfigurationen von Zeit aus, welche als wesentliches Element ihrer Funktionslogik begriffen wird und im Zentrum der Untersuchung steht. So kombinieren die Werke etwa die lineare Zeitform der Biographie mit der primär zyklischen des Kirchenjahres, indem sie den in der Regel mit dem Tod abschließenden Lebenslauf einer Ordensschwester präsentieren, der – und mit ihm der gesamte Text – seine Struktur durch liturgische Fest- und Feiertage erhält. Des Weiteren sind dem Lebensbericht zu präzise terminierten Zeitpunkten fortwährend der Zeit scheinbar enthobene Momente geistiger Schau eingefügt, die häufig biblische Vergangenheit adaptieren oder ewige Freuden antizipieren. Ferner machen die Texte auf komplexe Art Gebrauch von dem im Akt der Lektüre angelegten Effekt der Aktualisierung von Vergangenem: In ihnen gewinnt nicht nur das berichtete Leben der Schwester erneute Gegenwärtigkeit, sondern es erfahren auch die oftmals in deren geistige Schau eingeflossenen heilsgeschichtlichen Ereignisse eine Aktualisierung. Die verschiedenen Konfigurationen von Zeit wirken demnach vielfältig ineinander und prägen in diesem Zusammenspiel die Texte, so dass ihre detaillierte Analyse Einsicht in die Poetik der Offenbarungen geben und darüber hinaus einen Beitrag zur Funktionsbestimmung von Zeit in erzählenden Texten des Spätmittelalters leisten kann.

Dissertationsprojekt Martina Oehri
Zur metonymischen Bedeutung von Objekten in frühneuhochdeutschen Prosaromanen

In frühneuhochdeutschen Prosaromanen, wie dem Fortunatus, der Melusine Thürings von Ringoltingen oder in den Romanen Wickrams, nehmen verschiedene Objekte immer wieder eine zentrale Rolle im Handlungsverlauf ein. So werden Ringe ausgetauscht, verloren und wiedergefunden, Briefe geküsst oder eine Tafel mit der Ursprungsgeschichte einer Adelsfamilie gelesen. Zudem können an Objekte bestimmte Bedingungen geknüpft sein, welche deren Funktionsweise – bspw. dem Glückssäckel im Fortunatus – bestimmen oder deren besondere Eigenschaften schützen. Die Funktionen dieser Objekte für den jeweiligen Handlungsverlauf und die Erzähllogik gilt es in diesem Projekt herauszuarbeiten. Anhand der Objekte, welche durch den Handlungsverlauf eine metonymische Dimension erhalten, so eine These, lassen sich zum einen Phänomene der Vergegenwärtigung von Abwesendem und Vergangenem beobachten, zum anderen zeigen sie die Handlungsstruktur bzw. die Erzähllogik der Prosaromane auf. Die Fokussierung auf Objekte und deren metonymische Dimension verspricht Einsichten in die Funktionsweise vormoderner Medien sowie in die Logik der frühneuhochdeutschen Prosaromane.

Dissertationsprojekt Daniel Waldmeier
Konzentrierte Medialität. Geistliche Modelle im Prosa-Lancelot

Briefe und Reliquien, die als Heilsmittel über Zeit und Raum in die erzählte Welt transportiert werden; ein in die Fussstapfen Christi tretender Gralsheld, der in seiner Exorbitanz der immanenten Welt entschwebt und transzendenter Einsichten gewahr wird; ein Kreuz, das wie Christus seine Arme ausbreitet, um die Sünder zu empfangen; mystische Gralsmessen, in denen das Spiel von Präsenz und Absenz in ostentativen Hostienmirakeln kulminiert: Im monumentalen Lancelot-Gral-Zyklus konzentrieren sich derartige mediale Konstellationen in einer einzigartigen Dichte. Verschiedenste Formen mittelalterlicher Medialität – etwa Mediationen durch Figuren, Institutionen, Zeichen oder Körper – werden überlagert, paradigmatisiert, variiert und in einem literarischen Modus neu konfiguriert; Vermittlungsprozesse werden reflektiert, ausgestellt, aber auch verrätselt und unsichtbar gemacht. Der Grad der medialen Komplexität wird noch gesteigert durch allegorische Aventüren, enigmatische Inschriften, metonymische Verdichtung und schillernde Semantiken. Als Instanzen der Vermittlung zwischen den Gralsrittern und dem Schöpfer amten biblische Figuren, Einsiedler oder himmlische Stimmen, die das in den Aventüren, Träumen oder Visionen Offenbarte oder Präfigurierte deuten. Auch weil sich der Zyklus dabei vieler Muster mystisch-monastischer Schriften bedient, diese aber mit der höfischen Artus-Welt konfrontiert, bietet der Prosa-Lancelot ein aus medialer Perspektive äusserst reizvolles Forschungsdesiderat. Dieses anzugehen heisst, das Verständnis für vormoderne Grundmuster des Medialen zu schärfen, aber auch die Grenzen medialer Modelle in einem literarischen Umfeld zu ergründen. Denn gerade in der Gralsschau, dem Moment grösster Gottesnähe, wirkt auch ein Moment der Distanz: Die tiefsten Geheimnisse des Heiligen Grals lassen sich kaum vermitteln – sie liegen jenseits des sinnlich Erfahr- und Ergründbaren.

Assoziiertes Postdoc-Projekt Aleksandra Prica
Ruinenphantasmen der Frühen Neuzeit

In literatur- und kunstwissenschaftlicher Forschung dominierte lange ein motivgeschichtlicher Zugang zur Ruinenthematik. Erst in jüngerer Zeit wird diese stärker kulturwissenschaftlich reflektiert, wobei aber der Fokus vorwiegend auf der Zeit nach dem 18. Jahrhundert liegt. Nach wie vor besteht das Desiderat einer Kultur-geschichte der Ruine, die insbesondere auch die frühe Neuzeit und den Barock angemessen einbezöge. Diese Lücke will das Unterprojekt schliessen, wobei Ruinen als metonymische Phänomene verstanden werden, an denen sich grundlegende Fragen nach dem Verhältnis von Fragment und Totalität, Nähe und Ferne, Ähnlichkeit und Berührung diskutieren lassen. Das geschieht unter anderem anhand der Ruinendarstellungen der Hypnerotomachia Poliphili, der Metaphorik des Ruinösen in reformatorischen Texten, der Beziehung zwischen Bauten und Körpern in der petrarkistischen Lyrik und dem Entwurf imaginierter Gegenwelten in deutschen Romanen (Lalebuch, Simplicissimus) und Gedichten (Gryphius, Harsdörffer) des Barock.





Prof. Dr. Christian Kiening


Dr. Sabine Chabr, Doktorandin
Dr. Britta Dümpelmann, Doktorandin
Dr. des. Daniela Fuhrmann, Doktorandin
lic. phil. Martina Oehri, Doktorandin
lic. phil. Daniel Waldmeier, Doktorand