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NCCR Mediality
UZH




Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
C. Ostentation
C.7 Literarische Präsenzeffekte. Poetik und Mediologie des Visionären in der Literatur der klassischen Moderne

Die literarische Moderne des frühen zwanzigsten Jahrhunderts gewinnt ihre ästhetische Innovationskraft aus einem hochentwickelten Medienwissen, wobei sich eine interessante historische Gemengelage ergibt: Ein Interesse für älteste Medientechniken der Menschheit, für Bildmagie, Schamanismus, halluzinatorische Trancetechniken und partizipatorische Teilhabe am Göttlichen trifft auf einen modernen Medienbegriff, der das «Medium als Realität» (Hermann Broch) entdeckt und die Herstellung von Gegenwärtigkeit den Beschaffenheiten und Konstellationen des Medialen selbst zuschreibt und zudem eine Ausdifferenzierung der einzelnen Medien (z.B. als Konkurrenz von Schrift und Bild) reflektiert. Zugleich wird Anschluss gesucht an die neuesten sinnesphysiologischen und psychopathologischen Theorien einer Anthropologie der inneren Bilder und der Schwellenzustände des Bewusstseins, die sich als Katalysator für mediale Reflexivität und für literarische Innovation erweisen.
Was bislang rein ideengeschichtlich als Mystik oder auch Mythenfaszination der Moderne betrachtet wurde, will das Teilprojekt in mediologischer und poetologisher Perspektive als mediale Überschreitungsexperimente in der Literatur der klassischen Moderne beschreiben. Untersucht werden die sprachkritischen Anstrengungen der Literatur, die als abstrakt empfundene Repräsentationsleistung der Sprache zu transzendieren und das von der Schriftsprachlichkeit scheinbar nicht einholbare visuelle (oder auch akustische) Erlebnis, in Form illuminierter Augenblicke, ekstatischer Schau oder sinnlicher Teilhabe, in Effekten der Intensivierung, der Erzeugung von Präsenz und Evidenz, erfahrbar zu machen. Dabei soll am visionären Paradigma die mediale Paradoxie des gleichzeitigen Verschwindens und Erscheinens in der Spannung von Medium und Mediatisiertem in den hochartifiziellen Spielkonstruktionen der Literatur (von Robert Müller über Gottfried Benn bis zu Carl Einstein) sichtbar gemacht werden. Ein Schwerpunkt wird dabei auf der Analyse der literarischen Strategien der Ausstellung dieser Spannung liegen: Deixis und deren Störung, Idolatrie und Ikonoklasmus der Sprache, Simultaneität, Rahmung und Spiegelung, Sprachmagie und Abstraktion etc.
Das Projekt verfolgt eine dreifache Zielsetzung.
Es will 1. in mediologischer Perspektive das historische Verständnis medialer Konstellationen in der klassischen Moderne beleuchten, in der die Vorstellung und Semantik des ‹Mediums› sich erstmals in theoretischen Konzepten auszubilden beginnt. Erkundet werden soll das komplexe Medienbewusstsein der literarischen Moderne, wobei die Aufmerksamkeit besonders auf die interessante Konstellation einer Gleichzeitigkeit des historisch Ungleichzeitigen, nämlich vormoderner und moderner Medienkonstellationen gerichtet ist, wie sie die literarische Mediologie des Visionären und der Präsenz in der klassischen Moderne prägt.
Es will 2. in wissensgeschichtlicher Perspektive den diskursiven Vernetzungen nachgehen zwischen einer auf mediale Übergänge und Präsenzeffekte zielenden Literatur, (explizit und implizit) medientheoretischen Texten und anthropologischen Theorien des Visionären aus den Bereichen der Sinnesphysiologie, der Psychopathologie oder der Ethnologie (die als implizite Medientheorien bzw. Theorien zum Zusammenhang von Medium und Rezeption) gelesen werden können.
Es will 3. in poetologischer Perspektive die textuellen Strategien beschreiben, die rhetorischen und literarischen Mittel zur Herstellung von Präsenz im Medium der Literatur, die Effekte der Ostentation als Ausstellung einer phantasmatischen Selbstüberschreitung des Mediums hin zur visionären Schau, zur genuin literarischen Erzeugung von visueller (oder auch akustischer) ‹Unmittelbarkeit›.


Dissertationsprojekt Christoph Gardian
Schrift – Bild – Klang. Literarische Präsenzeffekte
in der klassischen Moderne


Die Literatur der klassischen Moderne bezieht einen großen Teil ihres innovativen Potenzials aus mediologischen Reflexionen sowie aus den Einsichten der Sinnesphysiologie und Erkenntnistheorie seit dem 19. Jahrhundert. In diesem Zusammenhang sind es insbesondere die sinnliche Fülle und scheinbare Unmittelbarkeit des Optischen und Akustischen, die den Wunsch nach einer Überschreitung des eigenen abstrakten schriftsprachlichen Mediums fördern. Dieses Begehren äußert sich in experimentellen Schreibstrategien, in deren Zentrum das Problem der Versprachlichung eines unbegrifflichen Phänomenalen steht. Ihr Ziel ist die Herstellung von Präsenz durch eine expressive ‹Bildsprache›, die nicht Gegebenes abbildet, sondern neue Wahrnehmungen hervorbringt und Wirklichkeit setzt. Als Ausgangspunkt solcher Schreibverfahren dienen häufig die Inszenierung von Schwellenzuständen des Bewusstseins – Halluzinationen, endogene und hypnagoge Bilder, paravisuelle hörbare Phänomene und ekstatische Wesensschau – und die Bezugnahme auf Strukturen und Techniken anderer Medien. In diesem Sinn entwerfen die zu untersuchenden Texte eine Poetik und – in dezidierter Medienreflexivität – Mediologie des Visionären. Das Projekt untersucht in textnaher Lektüre selbstreflexive Techniken und Strategien textinterner Transmedialität in der Prosa Robert Müllers, Carl Einsteins, Gottfried Benns und Alfred Kubins und geht den diskursiven Vernetzungen von Literatur und Wissen in historisch-mediologischer Perspektive auf den Grund


Prof. Dr. Sabine Schneider


Dr. des. Christoph Gardian, Doktorand