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NCCR Mediality
UZH




Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
D. Instrumentalisierung
D.1. Inthronisation und Herrscherweihe in der Frühen Neuzeit im Spannungsfeld von Recht und Zeremoniell

Das Projekt rückt die Frage nach Medialität in eine rechtswissenschaftlichen Perspektive. Im Mittelpunkt steht dabei eine rechtshistorische Untersuchung der Riten und Zeremonielle des Herrschaftsübergangs in der Frühen Neuzeit in ihrem Verhältnis zu der in dieser Zeit entstehenden Staatlichkeit.
In seiner Perspektivenbildung erweitert das Projekt die in der Rechtswissenschaft bislang übliche Sichtweise auf Medialität, die sich auf die medialen Rahmenbedingungen der Produktion, Speicherung und Verbreitung von Rechtswissen konzentriert. Das Projekt geht darüber hinaus von einer elementaren Kennzeichnung des Rechts als einem ‹Dazwischen› aus. Recht wird erst dann notwendig und greifbar, wenn sich mehrere Personen (oder normativ gleich bewertete Entitäten) gegenüber stehen, deren Beziehung zueinander verbindlich geregelt werden soll und muss. In diesem ‹Dazwischen› kann Recht in der jeweiligen historischen Ausgestaltung in unterschiedlicher Weise sichtbar werden: es kann sich, wie in der Moderne, in Verfahrensordnungen äussern, die auf eine zentral organisierte Staatlichkeit bezogen sind; es kann sich aber auch, etwa in mittelalterlichen Verhältnissen, in medialen Ereignissen äussern, die die Akteure unmittelbar zueinander in Beziehung setzen.
Der Übergang von einer persönlich-rituellen zur einer zunehmend abstrakt-staatlichen Rechtsmedialität lässt sich gut am Beispiel des Herrscherwechsels beobachten. In personengebundenen Herrschaftsordnungen ruft diese Situation existentielle Krisen des Gemeinwesens hervor, in denen die von den Akteuren in Ansatz gebrachten Mechanismen zur Erzeugung von Erwartungssicherheit besonders deutlich offen gelegt werden können. Die Bestrebung, Erwartungssicherheit zu erzeugen, scheint es auf Dauer erforderlich zu machen, Herrschaftsrechte auf eine eher abstrakte Entität zu beziehen, die vom Herrscher weniger verkörpert, denn vertreten oder auch repräsentiert wird.

Habilprojekt Stefan Geyer
Inthronisation und Herrscherweihe im Übergang vom Mittelalter zur frühen Neuzeit. Von der rechtlichen Konstitution von Herrschaft durch Zeremoniell zum politischen Spektakel.

Das Habilitationsvorhaben untersucht auf der Grundlage der theoretischen Vorüberlegungen das Krönungszeremoniell im Übergang vom Mittelalter zur frühen Neuzeit aus einer rechtshistorischen Perspektive. Dies wirft die Frage auf, inwieweit einem Investitionsritus wie der Krönung und Salbung eine rechtliche Bedeutung bei der Konstituierung von Herrschaft zukam und welche Arten rechtlicher Kommunikation im Rahmen der Inszenierung eines Herrschaftsübergangs sonst üblich und möglich sind. Das Krönungsgeschehen wird dabei als mediales Ereignis begriffen, dem in seiner rechtskonstitutiven Funktion die Aufgabe zukommt, Erwartungssicherheit beim Herrschaftsübergang zu erzeugen und die Kontinuität des Gemeinwesens zu sichern.
Ausgangspunkt der Überlegungen bildet die Hypothese, das Zeremoniell als rechtlich notwendige Voraussetzung des Herrschaftsübergangs im Lauf der Zeit durch andere Verfahrensformen verdrängt wurde. Aus dem strengen Krönungsritus, der die rechtlichen Beziehungen zwischen dem König und seinen Vasallen festlegt und ohne den eine Herrschaft nicht denkbar ist, wird ein ‹Fest› in dem zwar immer noch eine präexistente Herrschaftsordnung dargestellt werden kann, dem aber in letzter Konsequenz die rechtliche Bedeutung fehlt. Stattdessen wird die Beteiligung am ‹Verfassungstheater› zum Gegenstand rechtlicher Auseinandersetzung zwischen den Untertanen des Königs.
Im Anschluss an das Vorprojekt, das die Fragen des Herrschaftsübergangs für das Mittelalter untersucht hat, werden nun einzelne Krönungen aus England, Frankreich und dem Reich in der frühen Neuzeit in den Blick genommen. Ein Vergleich dieser Zeremonielle untereinander und mit den mittelalterlichen Krönungen kann Aufschluss darüber geben, wie sich der Herrschaftsübergang von seinen rituellen Formen gelöst hat und sich neue und abstraktere Bezugspunkte für die Herstellung von Kontinuität von Herrschaft etablieren konnten.





Prof. Dr. Andreas Thier


Dr. iur. Stefan Geyer, Wiss. Mitarbeiter