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NCCR Mediality
UZH




Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
E. Übertragung
E.1. Figurationen des Auserwählten in der europäischen Literatur

Das Projekt untersucht die Darstellung des Auserwähltseins in der europäischen Literatur. Das Auserwähltsein zeigt sich im Kontext vielfältiger Übertragungsvorgänge – z.B. sprachlich-kommunikativer, körpersprachlicher, aussersprachlicher, bildlicher – , in denen die religiös-metaphysischen Erwartungen an das Auserwähltsein eingelöst und performiert werden. Derartige Übertragungsvorgänge werden in diesem Zusammenhang genauer beleuchtet, wobei die mediale Übertragung im Zentrum steht.
Die auffällige Vielzahl von Auserwählten und Erlöserfiguren in Literatur, Kunst und Film mag angesichts der herrschenden Paradigmen der Moderne, Empirie und Vernunft, erstaunen. Doch ist seit längerem deutlich geworden, dass die Moderne auch in westlichen christlich geprägten Kulturen nicht zur gänzlichen Desillusionierung religiöser Versprechen und Erwartungen geführt hat. An den Figuren der Auserwählten kristallisieren sich die gegenstrebigen Prozesse der Moderne zwischen religiösen und a-religiösen Mustern heraus. Die Aktualität solcher Prozesse lässt sich im übrigen nicht nur in den Künsten, sondern auch im soziopolitischen Kontext beobachten; man denke etwa an die Präsenz zahlreicher Sekten, an die massen-mediale Inszenierung religiöser Persönlichkeiten und Handlungen und vor allem in den Argumentationsformen in politischen und kulturellen Konflikten.
Das Projekt stellt vor allem literarische Texte ins Zentrum. Die Übertragung des Religiösen in jeweils andere Kontexte, Formen und Konstellationen zeigt sich in besonders deutlicher Weise an Auserwählten und Erlöserfiguren, weil sich an ihnen säkularisierte Erwartungen brechen. Die Figuration des Auserwähltseins markiert in der abendländischen Kultur einen kontinuierlichen Diskurs, der von den biblischen Ursprüngen bis heute reicht. Als aktuelle Gestalten jedoch weisen die Auserwählten zugleich immer deutlich über das Religiöse hinaus und damit auch auf Brüche in der religiösen Argumentation. Vor diesem Hintergrund lässt sich Auserwähltsein als eine rhetorische und literarische Figuration begreifen, als wandelbares, aber wiederkehrendes und wieder erkennbares Denkmuster. Der Ort, an dem sich diese Gestalten im Kontext einer sich als aufgeklärt begreifenden Gesellschaft bewegen, ist die Schnittstelle zwischen Lebensweltlichem und Imaginärem: die Literatur. Die Vorgänge, die sie prägen, sind diejenigen von Übertragung, Überlieferung und Narration. Die Figurationen des Auserwähltseins zeigen eine Herkunft und eine Geschichte, zugleich konkretisieren sich an ihnen Orte, Bedingungen und Formen der aktuellen Existenz. Auserwählte sind Grenzgängerinnen, Übersetzer und Boten – insofern sie die komplexen Vorgänge der Vermittlung und Mitteilung repräsentieren, spiegeln und verkörpern, aber auch unterbrechen.
In diesem Kontext sind spezifische, meist weibliche Auserwählte wie Stigmatisierte oder, in der Terminologie der Psychopathologie, Hysterikerinnen besonders eminente Erscheinungen, welche ‚Verkörperung‘ ‚Übertragung‘ und die Mittlerstellung in einem «Zwischen» noch einmal neu und grundlegend intonieren. Auserwählte sind zudem Übertragende in dem Sinn, als sie die komplexen Vorgänge der Vermittlung und Narration spiegeln oder verkörpern. Sie sind Reisende zwischen verschiedenen Sphären, sind in keiner heimisch, haben aber in allen etwas zu suchen. Neben Realisierung und Vollzug der Auserwählung im Individuum zeigen sie damit auch auf ein kollektives Imaginäres, das sich spezifisch zur Wahrnehmung moderner kultureller Formationen und zum Verhältnis von aufgeklärter Moderne und Transzendenz äussert.
Ausgehend von einzelnen Protagonisten und -innen in literarischen Texten des Mittelalters, der Neuzeit und der Moderne (Joseph, Gregorius, Parzival, Jeanne d’Arc) werden Figurationen des Auserwähltseins poetologisch bestimmt. Neben jenen Auserwählten, deren Geschick in fiktionalen Erzählungen überliefert ist, kommen auch solche in den Blick, die in ihrer ganzen Erscheinung auf Überlieferung und Medialität verweisen, die selbst aber nicht Gegenstand einer literarischen Bearbeitung sind. Für sie gelten diese Zusammenhänge von Original und Imitation, von Übertragung und Vermittlung in besonderem Mass (Anna Katharina Emmerick/Clemens Brentano). Untersucht werden vor allem deutsch-, französisch- und englischsprachige Werke.

Dissertationsprojekt Xenia Goslicka
Er ist’s! Auserwählte als Erscheinungen des Medialen

Auserwählte stehen als aktuelle fiktionale oder inszenierte Gestalten für etwas, das – ohne sich von ihm zu lösen – über den religiösen Kontext hinausweist. Als Gegenwärtige sind sie zugleich Wiederholung eines bereits Vergangenen und die Ankündigung und Darstellung eines Zukünftigen. Wer sie betrachtet, kann eine Figuration erkennen, sieht nicht ein Einzelnes, sondern die Verbindungen zwischen dem Vielen.
Dass eine genauere Bestimmung ihrer Person und Berufung stets vage bleibt, berührt ein fundamentales Merkmal ihres Seins. Weder in der Vita einzelner Auserwählter noch im Vergleich verschiedener Gestalten lässt sich ein eindeutiges kausales, temporales oder gar teleologisches Muster erkennen. Als Boten und Gesandte, als Vermittelnde und Übersetzende zwischen verschiedenen Sphären sind Auserwählte Erscheinungen des Medialen. Sie bezeichnen eine Position des Dazwischen und stellen Verkörperungen spezifischer Übertragungsprozesse dar. Auserwählte sind so auch als Äusserungen zeitlicher und darstellungstheoretischer Komplikationen lesbar.



Prof. Dr. Barbara Naumann


lic. phil. Xenia Goslicka, Doktorandin