NCCR Mediality
UZH




Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
E. Übertragung
E.6. Erzählen vom fremden Heiligen in Mittelalter und Früher Neuzeit

Die grossen Narrative der Religionswissenschaft, wie sie sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jh.s in enger Verflechtung mit den Anfängen der Anthropologie, der Psychologie und der Soziologie herausgebildet haben, stellen in unterschiedlicher Perspektivierung das Heilige und das Magische ins Zentrum ihrer Reflexionen. Der über diesen vernetzten Diskurs in die Wissenschaftskultur aufgenommene Begriff des Heiligen kann so als ein Grund-, wenn nicht Schlüsselbegriff moderner Kulturtheorie gesehen werden.
Das Projekt setzt sich zum Ziel, die vormodernen Prägungen des modernen Heiligkeitsdiskurses herauszuarbeiten. Objekt der Untersuchung sind einerseits Beschreibungen beobachteter Phänomene nicht-christlicher Transzendenzeffekte (Reiseberichte), anderseits imaginierte „fremde“ Heiligkeit in einem christlichen (heilsgeschichtlichen) System der Weltwahrnehmung und -deutung (Chroniken, Erzählliteratur). Dabei richtet sich der Blick speziell auf folgende Aspekte:

a) Exklusion und Inklusion – Rhetorik der Grenzziehung
Die Abgrenzungsrhetorik und Grenzziehungsnarrative, die sich in der frühchristlichen apologetischen Literatur ausbilden, stellen prägende Muster bereit für die Auseinandersetzung mit den nicht-christlichen Kulten und Bräuchen in der lateinisch-christlichen mittelalterlichen Kultur. Auf diesem übermächtigen rhetorisch-sprachlichen und argumentativ-narrativen Hintergrund sind die Auseinandersetzungen mit den Phänomenen fremden Glaubens, fremder Riten und fremder Kulte zu sehen, die sich in mittelalterlicher Literatur finden. Dabei zeigt sich, dass die Rhetorik der Grenzziehung und Grenznarrative immer auch ein Medium der Reflexion von Werten, Wissen, Macht, Zeit und Ordnung ist.
b) Strategien der Medialisierung und Ent-Medialisierung – Rhetorik der Medialität
Es wird von der These ausgegangen, dass von einer „Rhetorik der Medialität“ gesprochen werden kann, über die Medialität als Kategorie der Klassifizierung, Wertung und Distinktion im Blick auf nicht-christliche Religionen ins Spiel gebracht wird. Der Umgang mit den Heilsmedien im nicht-christlichen Bereich ist immer mit einer Wertung des Mediums verbunden. Es sind hier Ansätze einer Medienreflexion avant la lettre auszumachen, die sich dann da, wo die Grenze zu den „fremden“ Medien des Heils in den innerchristlichen Bereich hereingeholt wird, zuspitzt: in der Reformationszeit. Die Übertragungen der vorreformatorischen Medienreflexionen in den reformatorischen Mediendiskurs sind unter dem Aspekt einer „Medienrhetorik“ aufschlussreich.
c) Episteme – Rhetorik der Wahrnehmung
Für die narrative, rhetorische und diskursive Konstituierung des fremden Heiligen ist die Art und Weise, wie es wahrgenommen wird, entscheidend. Oft und in den meisten Fällen (selbst in Reiseberichten) ist es nicht der Augenschein, das unmittelbare Wahrnehmen, über das sich ein fremdes Heiliges erschliesst, sondern die mediale Vermittlung durch Erzählungen, Schriften oder Bilder. Im Fokus des Interesses stehen folglich auch die Medien der Vermittlung des Fremden im Eigenen und deren spezifische Möglichkeiten für sowie Interessen an Auratisierungseffekten in Bezug auf die sich in ihnen darstellenden fremden Phänomene. So bildet sich die mediale Vermittlung als der Ort der Konstituierung des fremden Heiligen aus. Gleichzeitig ermöglicht gerade die Medialitiät der Vermittlung eine Reflexion der Wahrnehmungsproblematik.


Dissertationsprojekt Susanne Baumgartner
Religionsgespräche in volkssprachlichen Texten des 13. Jahrhunderts

Religionsgespräche lassen sich im christlichen Abendland als historische Praxis wie auch als formale Textstruktur zur Verhandlung interreligiöser oder innerchristlicher Kontroversen von frühchristlicher Zeit (Apologetik) über das Hochmittelalter bis ins konfessionelle Zeitalter nachverfolgen. Literarisch inszeniert und in Narrationen eingebettet finden sich Disputationen zwischen Vertretern verschiedener Religionen auch in volkssprachlichen Texten des Mittelalters (etwa in Heiligenlegenden, Chroniken, Reiseberichten oder Erzähltexten). Diese sollen in der Dissertation schwerpunktmässig analysiert werden. Es wird von der These ausgegangen, dass in diesen Texten das eigene christliche Selbstverständnis, Glaubensgrundsätze und dogmatische Probleme in Abgrenzung zu Phänomenen fremden Glaubens, fremder Riten und fremder Kulte, insbesondere zu den anderen beiden abrahamitischen Schriftreligionen und deren Wissens-, Welt- und Werteordnungen, konturiert und gefestigt werden. Auch reflektieren diese Religionsgespräche grundlegend die Übertragungsmechanismen und die Vermittelbarkeit von religiösen Inhalten und bilden neue oder tradieren bekannte rhetorisch-argumentative Strategien der Aus- und Abgrenzung von nicht-christlichen Kulten und Bräuchen. Es wird weiter davon ausgegangen, dass im Disput, einer im Text fingierten Mündlichkeit, die Grenzen des \'wahren Glaubens\' verhandelt und quasi rituell in Szene gesetzt werden. So wird diskursiv ein Grenz- und Zwischenraum etabliert, ein Ort der Verhandlung sowie ein Medium der Reflexion von Werten, Wissen, Macht, Zeit und Ordnung.

Dissertationsprojekt Christina Henss
«In fremden landen sind menigerley glouben und sitten»
Wahrnehmung und Darstellung nicht-christlicher religiöser Rituale und sakraler Räume in Mandevilles Reisen


Das Dissertationsprojekt untersucht den diskursiven Umgang der lateinisch-christlichen Denktradition mit fremden Religionen im ausgehenden Mittelalter anhand einer Analyse der Wahrnehmungsmuster und Darstellungsstrategien von nicht-christlichen Ritualen und sakralen Räumen in den deutschsprachigen Versionen der Reisen des John Mandeville. Die Reisen (deutscher Erstdruck 1480) bieten sich besonders für eine solche Untersuchung an, da Mandeville in ihnen das bis dato überlieferte Wissen über fremde Welten, Völker und Glaubensvorstellungen wie in einer Art Sammelbecken zusammenfasst. Die Rhetoriken, Erklärungsmuster und Grundnarrative in der Auseinandersetzung mit dem fremden Religiösen werden in den Reisen aufgefangen, gebündelt, teilweise aber auch verändert und an weite Rezipientenkreise weitergegeben. Das Projekt macht es sich zur Aufgabe, die vielfältigen (rhetorischen, argumentativen, thematischen, medialen, narratologischen) Möglichkeiten, fremde religiöse Rituale und sakrale Räume gleichzeitig als nicht-christliche und als religiöse darzustellen, herauszuarbeiten, um damit auch die Lücke, die hinsichtlich der Wahrnehmung und Darstellung des nicht-christlichen Religiösen in der Mandeville-Forschung existiert, zu schließen. Im Zentrum der Untersuchung steht also die Frage, mit welchen Mitteln in diesen Texten ein Ritual als religiöses Ritual, oder ein Raum als ein sakraler markiert werden, wie eine Aura des Sakralen sprachlich konstituiert, aber gleichzeitig das Dargestellte als etwas Fremdes gekennzeichnet wird. Die Analyse dieser Darstellungsmittel behält immer auch die Relation zwischen Eigenem und Fremdem im Auge sowie die Möglichkeit der Rückwirkung der Darstellung auf die Konzeption eigener Rituale und sakraler Räume. Das Textkorpus bilden die beiden deutschsprachigen Übersetzungen des Michel Velser und des Otto von Diemeringen, von denen jeweils der Erstdruck und die handschriftliche Überlieferung analysiert werden sollen. Es gilt, diese Versionen jeweils historisch, kulturell und medial zu kontextualisieren, Zusammenhänge zwischen den Entstehungsbedingungen, der Situierung eines Textes und der Art und Weise, wie in ihm das religiös Fremde verhandelt wird, herauszuarbeiten und letztlich die Ergebnisse vergleichend nebeneinander zu stellen. Ziel des Projekts ist es, zu bestätigen, dass sich in den Reisen eine spezifische Kulturrhetorik des Sprechens über das religiös Fremde zeigt.


Prof. Dr. Mireille Schnyder


Dr. Susanne Baumgartner, Doktorandin
Christina Henss M.A., Doktorandin