NCCR Mediality
UZH




Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
X. Ostentation
X.5. Atmosphären in Film und Kino – Oszillationen des Medialen

In der Annahme, dass das Stimmungshafte im Film erst auffällig und als solches wahrnehmbar wird, wenn es sich als mediale Geste ausstellt, untersucht das Projekt ästhetische, materiale und pragmatische Aspekte des Atmosphärischen. Es widmet sich dem Stumm- und frühen Tonfilm, insbesondere in deren nichtfiktionalen Formaten, und untersucht Gestaltungs-, Vermittlungs- und Rezeptionsformen des Filmisch-Medialen.
Um die zeitgenössischen Konzeptionen von ‹Atmosphäre› oder ‹Stimmung›, wie sie insbesondere dem Kino zugeschrieben wurden (Lukács, Häfker, Epstein, Faure, Balázs, Bloem d. J., Stindt), zu konturieren, sind filmtheoretische Texte der 1910er bis 30er Jahre mit den philosophischen, ästhetischen und kultursoziologischen Diskursen der Moderne zu konfrontieren (z.B. Simmel, Bergson, Bachelard, Lipps).
Theoretisch ist neben Momenten, in denen sich eine mediale Geste des Atmosphärischen bemerkbar macht, gerade auch der ‹degré zéro› des Ostentativen interessant, denn Filme schaffen Atmosphäre, selbst wenn sie unauffällig bleibt. Dieser prekäre Status weist indes über eine binäre Kippfigur zwischen dem Ostentativen und dem Nichtostentativen (als transparentes Bild) hinaus, denn Atmosphäre ist als es ein «objet ambigu» (Valéry) zu verstehen und zwar im doppelten Sinn: In seiner Oszillation zwischen dem Welthaften und der Textur der Bilder vermag das Atmosphärische einerseits das Dargestellte und das Wahrgenommene in eine genuin andere Dimension, die immersive Welt der Leinwand, zu transponieren. Ob realistisch oder formbetont ist ihr die mediale Andersartigkeit von vornherein eingeschrieben, als Transgression der alltäglichen Wahrnehmung, die auch die Grenzen des medial Vermittelbaren vor Augen führt. Andererseits oszilliert das Atmosphärische im Kontext der Rezeption: Treffen filmische Räume und historische Situation aufeinander, werden die Zuschauer in ihrer kulturellen Verfasstheit affiziert und die Deutungshorizonte des medial Vermittelten und Vermittelbaren verschieben sich.
Insbesondere anhand von Landschaftsaufnahmen, die von den frühen Reisefilmen über den Expeditionsfilm bis zum Kulturfilm der 1930/40er Jahre das Atmosphärische in nichtfiktionalen Filmen prägen, lassen sich vielfältige Fragen nach der spezifischen Medialität kinematographischer Bilder diskutieren. Eng verbunden mit dem Motiv der Reise entwickelt sich im Film ein moderner Blick auf Landschaften, der sich an vorgängigen Ikonografien (Malerei, Postkarten) orientiert, jedoch durch den Medienwechsel – die filmische Bewegung und rezeptive Bewegungswahrnehmung – neue Räume eröffnet. Und während die Zuschauer im Kino die Welt erobern und sich ein neues Gefühl für Distanz und Nähe einstellt, für das fortan auch das Eigene als exotisch gilt, reisen nicht nur Reporter und Abenteurer in ferne Länder, sondern die Filme selbst entwickeln geografische Mobilität und zirkulieren als «modern vernacular» (Hansen). Im konkreten Kontext von Aufführung und Rezeption können so ostentative Momente des Atmosphärischen entstehen, die in den Filmen zunächst nicht angelegt waren.

Dissertationsprojekt Henriette Bornkamm

Orientalische Atmosphären

Historische Filmaufnahmen, die den Orient darstellen, werden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu unterschiedlichen Zwecken hergestellt und gezeigt. Regisseure, Kameramänner, Missionare und Abenteurer bedienen sich dabei wahlweise zeitgenössischer oder historisierender Bilderwelten, die sich meist an Topoi anlehnen, die dem europäischen Publikum bereits durch Reiseliteratur, Malerei, Postkarten oder die Geschichtswissenschaft bekannt sind. Dieses Projekt untersucht, wie sich der Medienwechsel auf die Ausgestaltung dieser Motive atmosphärisch auswirkt und möchte die Besonderheiten filmischer Medialität sowie Aussagen zu ‹Stimmung›, ‹Aura› oder ‹Atmosphäre› historiographisch und theoriegeschichtlich kontextualisieren. Dabei kommt Walter Benjamins Beschreibung einer «Ferne, so nah sie sein mag», die eigentlich den Aura-Begriff erklären will, eine unbeabsichtigte Doppeldeutigkeit zu: Sie charakterisiert ebenso treffend den sich im Laufe des 19. Jahrhundert durch den technischen Fortschritt verringernden Abstand zwischen Orient und Okzident, der sich für die meisten Zuschauer zusätzlich reduziert, indem er ihnen erlaubt, sich einen latenten Orient (im Sinne Edward Saids) visuell anzueignen, ohne die Möglichkeit zu haben, selbst in ferne Länder zu reisen. Jenseits solcher Zufälle scheint es zwischen dem frühen Film und dem Orientalismus eine Wahlverwandtschaft zu geben, die sich in der filmtheoretischen Metaphorik (Bazins Mumien-Komplex) sowie der Architektur und Innendekoration früher Lichtspielhäuser niederschlägt.
Dieses Projekt beabsichtigt auch, den Medienwandel vom Stumm- zum Tonfilm in den Blick zu nehmen und Antonia Lants Beobachtung, dass das zarte Band zwischen Orientalismus und Film mit dem Aufkommen des (angelsächsischen) Tonfilms allmählich aufbricht, anhand europäischer Filmbeispiele zu untersuchen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Frage, wie die medial spezifischen orientalischen Atmosphären sich im Zuge des Medienwandels vom Stumm- zum Tonfilm verändern.