NCCR Mediality
UZH




Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
X. Ostentation
X.6. Die Nervosität des Films (1895–1918) – Dynamik einer medialen Auffälligkeit

Der Film wird in den Jahren seiner kulturellen Etablierung häufig als Medium debattiert, das dem «nervösen Zeitalter» (Krafft-Ebbing 1885), der Moderne um 1900, Ausdruck gebe. Einerseits entspreche er mit seiner Medialität (Bewegtbild, Einstellungs- wechsel, auch mit ‹Fehlern› wie dem Flimmern) dem kulturellen Trend zur Reizüberflutung, Dynamisierung, Fragmentierung und Komprimierung der Wahrnehmung. Andererseits zeigen die Filme die dynamischen Phänomene des modernen Lebens, die «vibrierende Atmosphäre unserer Tage, die nervöse, schnelle, abkürzende Existenz des modernen Menschen» (Bauemler 1912). Die «von flüchtigem Eindruck zu flüchtigem Eindruck taumelnd[e]» Rezeption (Kienzl 1911) entspreche der «Steigerung des Nervenlebens» in der Großstadt (Simmel 1903). Diese Auffassung des neuen Mediums im Begriffs-Set der Nervosität schließt an Diskurse des 19. Jahrhunderts an: an psychiatrische Konzepte zur ‹Neurasthenie› und an solche der Wahrnehmungspsychologie. Deren Ideen griffen nach 1880 verstärkt auf das kulturelle, ästhetische, literarische Denken über. Eine entsprechende ästhetische Sensibilität macht sich auch in Stilistik und Themen von Filmen des frühen «Kinos der Attraktionen» (Gunning 1986) bemerkbar, die Phänomene ausstellen, welche für die «Attraktion der Nerven» (Radkau 1998) von zentraler Bedeutung waren. Später dann lieferten Filme wie Nerven (Reinert, D 1918/19) auch komplexere Beiträge zum Diskurs der Nervosität.
Das Projekt möchte im Anschluss an vorliegende Studien zu den erwähnten wissenschaftlichen, kulturellen und ästhetischen Diskursen nun den Diskurs des frühen Kinos (im Zeitraum 1895–1918/19) als Medium «des Nervösen» untersuchen und dazu film- und theoriehistorisches Quellenmaterial primär aus dem deutschsprachigen Raum erschließen. Dabei soll der Dynamik von Auffälligwerden und Verblassen des am Film wahrgenommenen Moments der Nervosität nachgegangen werden. Das bedeutet, anhand historischer Äußerungen zum Kino solche zeitgenössischen Beobachterpositionen zu rekonstruieren, von denen aus ‹das Nervöse› der Filme und der Medialität des Kinos hervortrat. Bedurfte diese Wahrnehmung doch einer Konstellation, in der die Filme auf die entsprechende historische Sensibilität der Wahrnehmenden trafen. Letztere war einerseits diskursiv, andererseits auch durch das Empfinden der Differenz von filmischen und traditionellen Wahrnehmungsweisen geprägt. Mit dem Schwinden dieses Differenzempfindens im Zuge der Normalisierung von Filmwahrnehmung sowie dem Abklingen des Nervendiskurses nach dem Ersten Weltkrieg implodiert beim Blick auf das historische Material dessen einstige ostentativ ‹nervöse› Qualität. Kaum noch wahrnehmbar ist sie heute lediglich durch die Sichtung historischer Diskurse zu rekonstruieren. Dies stellt eine analytische Herausforderung dar, die indes ins Zentrum von Fragen nach der historischen Dynamik medialer Auffälligkeit führt.

Dissertationsprojekt Stephanie Werder

Die Nervosität des Films (1895–1918) – Mediale Auffälligkeit und historischer Diskurs

Das Dissertationsprojekt untersucht den Diskurs des frühen Kinos, aufgefasst als paradigmatisches Medium ‹des Nervösen›. Dabei werden zunächst – primär deutschsprachige – theoriehistorische Quellentexte analysiert, darunter Beiträge aus der Kino-Debatte, in denen das Kino nicht selten als Emblem einer gehetzten, reizintensiven Moderne erscheint und dessen neuartige Medialität auch oft als ‹nervöse› verhandelt wird. Diese Einschätzung der zeitgenössischen Beobachter fusst einerseits auf der neuartigen visuell-dynamischen medialen Form der filmischen Präsentation resp. Wahrnehmung, andererseits wurde sie im Diskurs jener Zeit überhöht, der eine hohe Sensibilität für das Nervöse entwickelte, die auch den Blick auf das Kino massgeblich prägte. Das dynamische, montierte Bewegtbild galt vielen Zeitgenossen als paradigmatisches Medium nervöser Wahrnehmung, als Inbegriff eines ostentativ Nervösen.
Vor diesem publizistischen Hintergrund soll im Hauptteil des Projekts ein Korpus ausgewählter zeitgenössischer Filme untersucht werden, die eine besondere Beziehung zu jener historischen Sensibilität für das Nervöse besitzen. Die rekonstruierende Einbettung der Filmanalyse in den Debattenzusammenhang jener Zeit erweist sich als notwendig, um die den Zeitgenossen als ‹nervös› geltenden medialen Aspekte sichtbar zu machen. Untersuchte man die Filme der ersten zwei Dekaden der Filmgeschichte heute ohne Wissen um jene Diskurse, würden sie aufgrund der im letzten Jahrhundert im Zeichen medialer Entwicklungen massiv veränderten Wahrnehmungsgewohnheiten kaum noch als ‹nervös› oder die Wahrnehmung überfordernd empfunden: Man könnte von einer Implosion des einstmals Ostentativen sprechen. Der in der Publizistik und Literatur geführte Diskurs zur Nervosität des Kinos wiederum wird erst hinreichend erschliessbar, wenn man den Qualitäten des filmischen Mediums in jener Zeit nachgeht, an die sich die Zuschreibung des ‹Nervösen› band, aber auch der Artikulation einer nervösen Sensibilität in der Stilistik und den Themen des zeitgenössischen Kinos.
Untersucht werden ausgewählte Filme zwischen 1895, dem Jahr der ersten öffentlichen Kino-Vorführungen, und 1918, dem Ende des 1. Weltkriegs, das auch das Abebben des allgemeinen Nervositäts-Diskurses bezeichnete. Zunächst werden Filme in den Blick genommen, die in den Quellen explizit als ‹nervös› bezeichnet wurden, ferner solche, in denen – im Sinne des ‹Kinos der Attraktionen› (Gunning) – der nervöse Zeitgeist eher ästhetisch widerhallt sowie schliesslich auch solche, die selbst thematisch (und vielfach auch mit ihrer Stilistik/Erzählweise) am Diskurs des Nervösen Anteil hatten.