NCCR Mediality
UZH




Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
Y. Implosion
Y.5. Poetisches Spiel und mediale Transgression in der Dichtung des 17. Jahrhunderts

Das 17. Jahrhundert ist die Zeit der Ausdifferenzierung eines Literatursystems, der Anfänge einer Institutionalisierung von Dichtung und der Formierung einer deutschen Dichtungssprache. Dieser Prozess geht einher mit einer hypertrophen Bildlichkeit und ausgestellten Klanglichkeit der dichterischen Sprache, worin sich eine Reflexion auf die Grenzen der Sprache und ihre imaginativen Möglichkeiten sehen lässt. Zu beobachten ist dabei, wie syntagmatische Strukturen sprachlicher Logik durch paradigmatische Strukturen (in Bildlogiken oder akustischen Mustern) zersetzt werden. Das Projekt verfolgt die These, dass die deutsche Sprache sich gerade über diese, mit der Medialität der Sprache (Akustik, Visualität) spielende Praxis im Kontext von Regelpoetik und Rhetoriktradition als Dichtungssprache zu etablieren vermag. Die Experimentierfreudigkeit barocker Dichtung lässt sich als eine Lust an den medialen Qualitäten der Sprache verstehen, ihrer akustischen und visuellen Wahrnehmbarkeit und deren je eigenen Effekten. Dazu gehören die physische Verräumlichung und Verkörperlichung der Sprache über den Klang wie auch die abstrahierende Visualisierung im Zeichen und imaginäre Konkretisierung in der Vorstellung über sprachliche Bilder.
Zu den strukturellen Phänomenen, über die in der dichterischen Sprache die Aufmerksamkeit auf mediale Prozesse gelenkt wird, gehören: Spiegelung (akustisch und optisch), Inversion und Implosion, Transgression und Einschluss. Die zwischen Klang und Echo oszillierende Sprache übersteigt ihre Aussagelogik auf mehrstimmige, die einsinnige Rezeption (zer)störende Sinnpotenziale hin. Durch die Verselbständigung von Bildlogiken innerhalb eines Textes kommt es zu konfligierenden Aussage- und Sinnebenen, was die Bedingungen sprachlicher und bildlicher Aussagemöglichkeit transgrediert und – in einem Kategoriensprung – die Sprachstruktur übersteigt. Mit Praktiken der transgredierenden Verflechtung diskursiver und epistemischer Ebenen werden Phänomene der Illusionierung und Desillusionierung hervorgebracht, über die – durch Irreführung der Wahrnehmungsgewohnheit – die Grenze von Wirklichkeit und Fiktion unsicher wird (analog zum trompe-l’œil).

Dissertationsprojekt Damaris Leimgruber

Verdichtete Musik. Wortklänge und Klangsprache

Die Vielfalt und große Zahl «musikalischer Lyrik» (Danuser 2004) im 17. Jahrhundert ist verschiedentlich, gerade auch in neuerer musikwissenschaftlicher Forschung beschrieben worden. Deutlich wird darin die enge Zusammenbindung sowie gegenseitige Beeinflussung und Prägung von musikalischen wie poetologischen Reflexionen, Praktiken und Theoretisierungen u.a. in Liedformen, die sich die Gesetze musikalischer Periodik zu eigen machen, aber auch in musiktheoretischen Überlegungen, die sich rhetorischer Denktraditionen bedienen (z.B. Caspar Ziegler, 1653). Die Möglichkeit der Vertonung von Poesie wird als Steigerung und Variabilität des Ausdrucks wahrgenommen: In diesem Kontext zu sehen sind die von Johann Rist und Kaspar Stieler initiierten Sammlungen ihrer von verschiedenen Komponisten stilistisch unterschiedlich vertonten Gedichte, die auf synästhetische Wirkung hin angelegten Andachtsbücher, welche sich sowohl sprachlicher als auch konkret-musikalischer Verklanglichungstechniken bedienen (Georg Philipp Harsdörffer, 1649), das sich bei den Nürnbergern ausbildende Klangvirtuosentum, wo die Worte über ihre Klanglichkeit definiert und eingesetzt werden, oder Werke, in denen der Klang ganz direkt Teil der Dichtungsstruktur wird, wie bei den Echoliedern (u.a. bei Sigmund von Birken oder Johann Klaj). Entscheidend für das Selbstverständnis dieser Dichtung sind jedoch auch Anschauungen aus der spekulativen Musiktheorie und, im Bereich des Pastoralen, musikalisch-mediale Ursprungsmythen (z.B. bei Catharina Regina von Greiffenberg).
Das Projekt will diese Phänomene als entscheidende Komponenten einer Sprachkunst untersuchen, die in gesteigertem Maß Klanglichkeit und Rhythmus in die Rhetorik und Grammatik – den von Regelpoetiken vorgegebenen Rahmen – einbindet. Dabei soll auf dem Hintergrund und in Kenntnis musiktheoretischer und poetologischer wie rhetorischer Schriften der Zeit herausgearbeitet werden, wie in der Lied- und Dichtungspraxis der bewusste Umgang mit der Klanglichkeit Möglichkeiten erschließt, die an den Grenzen der Regelpoetik die Liedtradition nachhaltig prägen. Die literaturwissenschaftliche Arbeit ist interdisziplinär angelegt und wird in den musiktheoretischen Bereichen von Prof. Dr. Hinrichsen begleitet.