NCCR Mediality
UZH




Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.
X. Display
X.8. Conditio extraterrestris. Das bewohnte Weltall als literarischer Imaginations- und Kommunikationsraum 1600–2000

Die astronomische Erkundung des Weltalls ist seit Kepler untrennbar mit der Ausbil- dung einer ausserirdischen Phantasie verknüpft: Nicht allein die Konstellationen der Planeten interessieren, sondern wie man auf ihnen lebt bzw. leben könnte. Der liter- arischen Einbildungskraft kommt dabei eine koordinatorische Funktion zu, denn sie übermittelt die Bilder von den fremden Welten und Wesen und entwirft erzählend die bewohnte Galaxie als eine dem Menschen und seinen Wissenskulturen (von der christ- lichen Schöpfungslehre bis zur Evolutionstheorie) sinnhaft erscheinende Ordnung. Diesen Prozessen der Erzeugung und Vermittlung des extraterrestrischen Raumes will das Projekt in drei Schritten nachgehen. Zum Ersten beleuchtet es die poetischen Strate- gien, mit deren Hilfe die frühneuzeitliche Literatur den Konflikt zwischen der astronomi- schen Wahrheit der planetarischen Mehrzahl und der theologischen Wahrheit vom Men- schen als Zentrum der Schöpfung moderiert. Zum Zweiten perspektiviert das Projekt die Geschichte der intergalaktischen Kommunikationsmedien als eine Geschichte moderner Inspirationstheorie. Schlussendlich soll zum Dritten die Frage geklärt werden, welche Bedeutung das Erscheinen des ‹ausserirdischen Lesers› für die Entwicklung neuer Er- zählformen in der europäischen Literatur seit dem 18. Jahrhundert besitzt.


Dissertationsprojekt Boris Buzek
Das All als Text. Zur Selbstbeschreibung des Kosmos

Erzählungen von Reisen ins Weltall kartieren den Kosmos als kulturellen Raum. Vom Wissen zum Kosmos epistemologisch angestoßen und von der Imagination poetologisch geleitet beschreiben sie eine Realität, die lange Zeit für die Menschen auf der Erde als physischer Raum zwar sichtbar, doch nicht begehbar ist. Das aus der Entfernung betrachtete Weltall erklärt sich den Erdbewohnern in imaginierten Besuchen fremder Planeten und Begegnungen mit extraterrestrischen Kulturen. Aus diesen Texten, ihren Bildern, Semantiken und Narrativen, konstituiert sich der Kosmos als Wissens-, Erfahrungs- und Handlungsraum. Es ist keine Gegenständlichkeit, sondern eine Medialität, zu der sich das All literarisch verdichtet. Die Erzählungen entstehen im Spannungsfeld kosmologischer Diskurse und wirken ihrerseits auf diese zurück. Der Raum des Kosmos wird auf diese Weise erschrieben. Das Erzählen lässt den Leser die Konstruktion des Weltalls empfangen. Die Aufarbeitung der dabei eingesetzten narrativen Modelle bildet eine erste Zielsetzung des Projekts.
Indessen gilt es hierbei eine zusätzliche Komplexität zu berücksichtigen: In den Erzählungen aus dem All transportiert Literatur zwar Medialität, ist aber zugleich selbst Medium. In der textlichen Transformation des Weltraums kommt es somit zu einer medialen Konfrontation, aus der heraus sich die Literatur des kosmographischen Erzählens entwirft. Welche Wandlungen durchlaufen diese narrativen Modelle und wie entwickelt sich dabei das Spannungsverhältnis zwischen der Medialität des Texts und der Medialität des Alls? Welches transportierte Wissen lässt sich ermitteln? Seit der frühen Neuzeit lassen Texte des kosmographischen Erzählens einen extraterrestrischen Raum entstehen. Dabei finden sich unterschiedliche Formen des Umgangs mit der Konkurrenz der Medialitäten. Zum einen kann im kosmographischen Erzählen eine textlich formulierte Selbstdurchdringung gelesen werden. Zum anderen mag gerade in der Selbstdurchdringung die Prämisse des Erzählens erkannt werden. Erst der sich poetisch offenbarende Kosmos ermöglicht sein Erzählen. Das Narrativ als Beschreibungsform des kosmischen Wissens tritt nicht erst nach der kopernikanischen Wende, mit der Perspektive auf neu zu entdeckende planetarische Welten, auf. Bereits ein spiritualisierter neuplatonischer Kosmos ermöglicht über das vermittelte Wissen um seine Beschaffenheit auch seine Durchdringung. Planetengeister beseelen den Kosmos und lenken sein Erzählen. Bis in die Gegenwart spielt die Erzählung eine Rolle als Medium des kosmischen Wissens. In Reinhard Jirgls Roman Nichts von euch auf Erden sind es die Bücher, die nach der Zerstörung von Mars und Erde die Geschichte weiter schreiben und das Wissen um das Geschehene transportieren - auch zu der Leserschaft aus der Vergangenheit.
Das All präsentiert sich jedoch nicht nur in imaginierten Reiseberichten als zu erfahrender Raum. Von der hierarchisch explizierten Ordnung des spirituell beseelten Kosmos über den christlichen Geo- und Anthropozentrismus bis zur empirisierenden Erforschung des Weltraums, liegt der Konzeption des Universums stets eine räumliche Konstruktion zugrunde. Als Raum der immer gleichzeitig real wie imaginiert ist muss sich uns das Weltall als «thirdspace» nach Edward Soja zeigen. Mehr noch: als räumliche Bedingung des Daseins muss das All an den Beginn aller räumlichen Konzeption und Diskursivierung der Lebenswelt gestellt werden. Der kosmische Raum der in den Erzählungen von Kepler, Goodwin, Cyrano de Bergerac und Huygens, bis Wells und Lasswitz, Scheerbart und Stapledon begangen wird ist darum von zentraler Bedeutung, auch für das Dasein unter den Bedingungen einer irdischen Räumlichkeit. Wie der Kosmos im Erzählen seine Konstruktion offenbart, macht er sich dem Leser der Erzählungen auch als Raum zugänglich. Das All schafft sich in der Erzählung seinen eigenen Raum.


Dissertationsprojekt Matheusz Cwik
Mediale Deformationen. Die Sprache des Universums von Lasswitz bis Lem

Als es dem exzentrischen Marsgelehrten Dr. Martius erstmals gelingt, Kontakt mit der Menschheit aufzunehmen und es zum regelmässigen Kommunikationsaustausch der beiden Planetenzivilisationen kommt, stellt sich beim Leser von Waldemar Schillings Roman Von der Erde zum Mars (1907) schon bald Verwunderung ein. Die Verwunde- rung gilt einer merkwürdigen Koinzidenz: Zwar kann kein Zweifel bestehen, dass die marsianische Kultur der irdischen weit überlegen ist – ihre Wurzeln scheinen dennoch dieselben zu sein. Wie lässt es sich etwa sonst erklären, dass man auf dem Mars vor genau 302 000 Jahren Latein gesprochen hat? Man braucht kein Sprachhistoriker oder Medientheoretiker zu sein, um zu verstehen, dass nicht nur mit Blick auf die interplanetarischen Distanzen, sondern auch mit Blick auf das universale Prinzip der Konventionalität und Arbitrarität der Sprachsysteme die Entwicklung derselben Sprachform auf dem Mars und der Erde höchst unwahrscheinlich ist.
Lässt man aber das Unwahrscheinliche unwahrscheinlich bleiben, dann lässt sich die marsianische Latinität nur dadurch erklären, wenn man die Sprache(n) des Universums historisch, als ein unter dem Einfluss von zeitgenössischen (philosophischen, theologischen und naturwissenschaftlichen) Diskursen deformiertes Medium auffasst. Dabei entsteht ein ‹medialer Mutant›, das Konzept einer Sprache, die als solche zum Funktionszeichen wird, welches neben seiner primären semiologischen Botschaft auch als Medium des evolutionären Darwinismus missbraucht wird. Mit einfachen Worten: Das Universum spricht in irdischen Sprachen, weil die Sprache bestimmten universalen Evolutionsprozessen unterliegt, die (wie der biologische Code) unabhängig von unserer Verortung im Universum überall gleich verlaufen.
Das Dissertationsprojekt will jenen medialen Deformationen der Sprache des Universums nachgehen, angefangen bei ihren Keimen in romantischen Theorien der Universalsprache (W. v. Humboldt) bis zu ihren poetischen Aufarbeitungen in der SF-Literatur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts (G. T. Fechner, K. Lasswitz, W. Schilling). Im zweiten Teil widmet sie sich der Auseinandersetzung mit gegenwärtigen, von strukturalistischen Sprach- und Poetiktheorien beeinflussten Varianten dieser Deformation (M. Bachtin, D. Suvin, R. Barthes usw.) sowie der Instrumentalisierung der SF-Kommunika- tionsmedien als Projektionsfläche der strukturalistischen Sprach- und Poetikreflexionen (S. Lem). Gezeigt werden soll hierdurch nicht zuletzt, dass das Phänomen der medialen Deformation kein in sich hermetisch geschlossenes Paradigma bildet, sondern eine Struktur darstellt, die sich in den theoretischen Reflexionen über das Wesen der Sprache und Poetik in den modernen Literaturtheorien des 20. Jahrhunderts wiederfinden lässt – selbst dort, wo die literarische Kommunikation irdisch zu bleiben vorgibt.